GUTS PIE EARSHOT - "Chapter Two Volume One"


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• Review by WAHRSCHAUER > Oliver Hottenrott

Seit nun mehr 16 Jahren geistern Guts Pie Earshot durch die alternative Musiklandschaft und sind mittlerweile zu einem festen Bestandteil eben jener geworden. Die zu einem Duo geschrumpfte Band legt mit "Chapter Two Volume One" nun ihr bereits 7. Studioalbum vor.

Und das hat es in sich: so unterschiedliche und scheinbar gegensätzliche Musikstile wie Punk, Klassik , Drum'n'Bass, Jazz und Pop, werden hier zu einem paradoxen, weil oft vertrackten, aber auch oft eingängigen, Klangcocktail vermixt, der die musikalischen Hörgewohnheiten des Rezipienten erforscht und auf die Probe stellt. Minimalistisch mag die Instrumentierung anmuten, lediglich Cello und Schlagzeug werden hier gespielt, und doch lässt die Musik ganze Universen vor dem geistigem Auge entstehen.

Das, was Guts Pie Earshot da zelebrieren, spricht - und das ohne Worte und Gesang. Das neue Album ist entweder als Vinyl-LP zu haben, oder als randvolle Doppel!-CD, welche neben den 5 neuen Liedern zusätzlich noch Instrumentalversionen dreier älterer Lieder ("smart but angry", "i so late" und "wait"), sowie einen kleinen Film mit u.a. Live footage der Band bereit hält.


• Review by PLASTIC BOMB 54 > Micha

Sie gehören sicherlich zu den ungewöhnlichsten Bands, die musikalisch im entfernten Sinn etwas mit Punk zu tun haben. GUTS PIE EARSHOT spielen instrumental. Und zwar nicht in der klassischen Bandbesetzung. Nein, die bestehen nur aus Drums und Cello.

Sie schaffen es mit ihrem Sound Klangwelten aufzubauen, pendeln zwischen Trauer, Melancholie und Verträumtheit auf der einen Seite sowie Kraft, Energie, Virtuosität und der Vertracktheit des Jazzpunks auf der anderen Seite.

GUTS PIE EARSHOT gehören zu den Bands, die es schaffen sich und den Hörer in einen Rauschzustand zu versetzen und für die Dauer des Songs in eine Parallelwelt zu entführen. GUTS PIE EARSHOT schaffen das, was nur ganz wenigen gelingt: Sie beschreiten ihren völlig eigenen Weg abseits von Mainstream und Konformität. Das verdient großen Respekt. Ganz gleich ob man ihre Musik nun mag oder nicht.

• Review by KINK RECORDS

Guts Pie Earshot gründete sich vor knapp 13 Jahren, damals noch als 5-köpfige Punk-Band mit Cello. Nach und nach haben verschiedene Mitglieder die Band verlassen und wurden nicht ersetzt. Somit sind jetzt nur noch Jean (Drums) & Patrick (Cello) übrig geblieben.

Dies hier ist das erste Album, welches nur die beiden gemeinsam eingespielt haben, bei der letzten Platte war noch ein Bassist mit dabei. Bis auf die Tatsache dass bei diesen Songs kein Bass dabei ist, hat sich an der Musik nicht viel geändert. Nach wie vor gibts mal etwas ruhige, mal etwas schnellere Instrumental-Tracks mit Schlagzeug und Cello. Das Ganze kommt sehr experimentell daher, irgendwo zwischen Punk-Rock, Folk und Drum'n'Bass.

Wenn man die Track-Liste betrachtet könnte man davon aus gehen, dass es sich hierbei eher um eine 12" als um einen Longplayer handelt, das trifft aber nicht so, dauern die 5 Songs doch insgesamt knapp 45 Minuten. In diesen 45 Minuten gelingt es der Band wieder einmal eine Atmosphäre aufzubauen, die dich in ihren Bann zieht ... das klappt auch ohne Bass und nur mit Schlagzeug und Cello.

Auch die Aufmachung der Platte wurde wieder sehr schick. Die Platte kommt mit bedruckter Innenhülle. Wer Guts Pie Earshot bisher mochte, dem/der wird sicherlich auch dieses Album gefallen.

• Review by INTRO > MARTIN BÜSSER


Wer Anfang der Neunziger Teil der Hardcore-Szene war, kam an dieser Band nicht vorbei. Unermüdlich spielten sie in jedem autonomen Jugendzentrum und waren dabei so etwas wie das gute Gewissen der Szene, nämlich nicht nur politisch korrekt, sondern auch musikalisch progressiv.

Hardcore mit Cello! Böse Zungen könnten darin den Beweis sehen, dass es sich bei Hardcore in Deutschland immer schon um eine bürgerliche Bewegung mit hohem Abi-Quotienten gehandelt hat. Von wegen "street" – Musikschule galore!

Andererseits waren Guts Pie Earshot damit aber auch ein wunderbares Beispiel, wenn es darum ging, die Szene vor Verkrustung und dem Dosenbier-Punk- oder Hatecore-Dogma in Schutz zu nehmen. Von "intelligentem" Hardcore war dann die Rede, wobei die Kategorie der "Intelligenz" als Abgrenzungsstrategie ihrerseits bildungsbürgerlichen Dünkel durchschimmern ließ.

Inzwischen zu einem Duo geschrumpft, reduziert auf Schlagzeug und Cello, haben Guts Pie Earshot weder ihre Vorliebe für eigenwilligen Klassik-Core-Crossover, aber zum Glück auch nicht ihre Emo-Power verloren. Ungestüm sind sie geblieben, auch wenn das heute natürlich nicht mehr das einstige Gefühl von Aufbruchsstimmung und szeneinternem Kulturkampf vermittelt.

An der einen oder anderen Stelle ließen sich die Nummern auf "Chapter Two" kritisieren, nämlich dort, wo sie die Tendenz zur Spielmannsleute-Musik aufweisen, deren Artistik vom Mittelalter- Rollenspiel nicht weit entfernt ist, doch auch das wird immer wieder gerettet.

An der Wichtigkeit des Ansatzes – die Szene nannte ihn einst "undogmatisch" und gestand sich so insgeheim den eigenen Hang zum Dogma ein – gibt es allemal nichts zu rütteln.



• Review by POWERMETALL.DE > Franziska Böhl
(...)
Empfehlenswert scheint bei ihrer Musik besinnliches Zurücklehnen, die Augen zu schließen und die Takte auf sich einwirken zu lassen. Eine umwerfende Verbindung, die romantisch bis metallisch klingt. Dass öfters wieder ruhige Parts folgen, stört ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Songs meist länger sind. Entspannung für die Sinne trotz des beständigen Wechsels - ein Theaterstück für die Sinne. Ähnlich einer Romanze wie Romeo und Julia mit ihren "Ups and Downs". Nur alles ohne Text, doch der ist nicht nötig.

'It´s never new' heißt der dritte Song auf der ersten, "grünen" CD: Theatralik wird auch hier gern genutzt, ein langes, zähes Intro - man stelle sich Wellen vor, die äußerst langsam oder gar gefühlvoll hin- und herwiegen - wird nach über drei Minuten Spielzeit mit rhythmischen, schnelleren Drums kombiniert.
Das Zähe wird etwas in den Hintergrund gedrückt; ein leichter Stimmungswechsel in der Musik erfolgt und nimmt kurzweilig sogar orientalische Atmosphäre an. Es wird "dunkler" und angespannter. Kein Ende in Sicht. Das Dunkel weicht Klack-Klack-Tönen: GUTS PIE EARSHOT auf Mexikanisch?
Vielleicht, aber auch nur kurz. Rasende Drums überrennen alles; das Cello steigt ein. Und alles klingt kurz aus, um erneut Kraft zu saugen. Ausdauer braucht der Hörer freilich ebenso, doch die Anstrengung lohnt.

Zum Schluss der ersten CD gibt es noch 'Butterfly'. Wenn man von einem Schmetterling ausgeht, dann fliegt dieser gerade durch die Lüfte und entdeckt etwas, fliegt weiter, scheint fröhlich zu sein und doch nachdenklich. Plötzlich stolpert er kurz und nun fliegt er leicht aufgeregt weiter durch die Lüfte, sein kleines Herz pocht. Ob er wohl das Ziel erreicht hat? Nein, er ist nun nahe einer großen Gefahr. Noch einmal Glück gehabt. Oder nicht? Die Gefahr scheint nicht ganz vorüber zu sein, der Angreifer naht wieder, doch der Schmetterling kann ihn erneut abhängen. Aufgeregt fliegt er nach Hause und kann sich nun erschöpft zurücklehnen. Der Schmetterling scheint über seinen Ausflug nachzudenken, die Angst kommt erneut in ihm hoch, diesmal viel heftiger. Doch dann schläft er endlich ein und schließlich ist nur noch sein aufgeregtes Herzpochen zu hören. - Ein langes Ende für einen Song.

Es verändert sich alles so schnell auf "Chapter Two Volume One", ähnlich den Dingen, die man sieht, wenn man über etwas hinwegfliegt. Wie ein Abenteuer. Man weiß vorher nicht, was passiert, aber das, was bei der ersten CD dieses Doppelalbums herauskommt, ist 45 Minuten lang definitiv beeindruckend. (...)